Weihnachten 2020

Fri, 18 Dec 2020 23:00:01 +0000 von Jürgen Poppe

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

die vierte Kerze ist auf dem Adventskranz entzündet und das Weihnachtsfest ist in greifbarer Nähe. Lichterglanz hat uns die letzten Wochen begleitet, aber zwischen all den vielen Lichtern sind wir dünnhäutig geworden. 

Es gibt viel zu sorgen und zu fürchten, das Virus hat die Regierung in die Knie gezwungen und diese hat das öffentliche Leben, auch das Leben unserer Kirchengemeinde und unser eigenes Leben zu Hause heruntergefahren. Kontakte sind beschränkt, manche von uns haben am eigenen Leib oder im Familienkreis erfahren, was es bedeutet infiziert zu sein. Viele fragen sich zurecht, wie sie wohl mit dem Wegfall vieler Rituale an Weihnachten zurechtkommen werden. Plötzlich wird alles abstrakte Nachdenken beängstigend real.  

Vor Augen stehen uns volle Intensivstationen, steigende Zahlen bei den Infizierten und Gestorbenen, erste Triagen, dass wir Weihnachten vermutlich nicht alle Familienmitglieder sehen werden. Und mitten in diese Zeit hinein soll Weihnachten sein, soll also das Verborgene sichtbar werden, soll offenbar werden, dass Gott zu uns gekommen ist und kommen will – in Jesus Christus. Irgendwie scheint sich Corona nicht auf Weihnachten zu reimen…

Sichtbares und Verborgenes – das war auch Thema des Paulus mit seiner Gemeinde in Korinth, Anfang der 50er Jahre nach Christus. Er selbst hat sich in dieser Gemeinde abgearbeitet, ist an ihr fast kaputt gegangen, und in einem Abschnitt seiner Briefe beschreibt er seinen Zustand, das, was sichtbar vor Augen steht: Wir sind von allen Seiten bedrängt (…) uns ist bange (…) wir leiden Verfolgung (…) wir werden unterdrückt. Teile der Gemeinde hatten Schimpfworte für ihn benutzt, meinten, er könne gewaltige Briefe schreiben, aber nicht reden und wenn er bei ihnen wäre, dann gäbe es doch eigentlich nichts an ihm, was Eindruck machen würde. 

In seiner Argumentation geht es Paulus vor allem um das Unsichtbare, quasi ein Dennoch, das er dem Sichtbaren gegenüberstellt: Bedrängt? Ja, aber dennoch keine Angst! Bangigkeit? Ja! Aber dennoch nicht verzagt. Verfolgung? Ja! Aber dennoch nicht verlassen. Unterdrückt? Ja! Aber kommt dennoch nicht um. (2Kor 4,8-9)

Hier stellt sich die Frage: Wie schafft es ein Mensch, dem das Leben alles abverlangt hat, der im Gefängnis gesessen hat (und später hingerichtet wird), dass er dieses Leben nicht nur annehmen kann, sondern voller Hoffnung und Zuversicht ist?

Paulus erlebt seine christliche Existenz als ein Leben in Rückschlägen, Niederlagen. Aber er charakterisiert seine Niederlagen als das Sichtbarwerden Christi in seinem Leben, durch sein Leben. Das ist der Grund getröstet dieses Leben zu leben. Das ist paradox! Sichtbar sieht man das brüchige Leben eines Mannes, der aber nicht gebrochen ist, und in dem etwas Verborgenes wirksam ist.

Das Paradoxe ist auch: Das Verborgene tritt nun ans Licht; das Verborgene leuchtet auf, wird sichtbar – aber: nun nicht so sichtbar, dass es dann einfach da wäre und von nun an in sichtbarer Herrlichkeit erkannt werden könnte, sondern so, dass auch das Sichtbarwerden noch in Verborgenheit geschieht, dass das sichtbar Gewordene wieder in die Verborgenheit zurücktritt, dann aber neu ans Licht kommen, erkannt werden will.

Paulus sagt, er trägt das Sterben Christi an seinem Leibe, damit daran das Leben Jesu offenbar werde. „So ist der Tod mächtig in mir; aber das Leben in euch.“ (2Kor 4,12)

Dass Christus sichtbar wird im Leben des Apostels ist erkennbar darin, dass er sich hingibt für die anderen.

Obwohl niemand gerne leidet (auch Paulus wird sich nicht über Schmerzen und Demütigungen gefreut haben), können Menschen gerade im Umgang mit dem (über sie kommenden) Leid die Nähe und Beauftragung Gottes erfahren. Dann wird die Schwäche zur Stärke.

Um es mit Luther zu sagen: Es kommt im Leben darauf an, dem anderen zum Christus zu werden. Das aber bedeutet Hingabe für den anderen – nicht aus eigener Kraft, sondern als Werkzeug des Herrn

Corona reimt sich nicht auf Weihnachten… wirklich nicht? Jetzt müssten wir sagen: doch!

Weil das Verborgene sichtbar wird in dem, was die Menschen tun denen gegenüber, die in diesen Tagen leiden. Das wird sicherlich sichtbar unter anderem im Tun des Pflegepersonals in den Krankenhäusern und Altenheimen, aber ganz sicher auch im Tun einer/eines jeden einzelnen von uns. Ich denke da an die organisierte Nachbarschaftshilfe im Lockdown, damit die Alten nicht vergessen werden. An die Einkaufsgruppen, die Lebensmittel nach Hause bringen, oder an die Helfer-Innen, die Segensworte in die Briefkästen werfen, an die, die durch Spenden den Menschen helfen, denen es jetzt schlechter geht als ihnen selbst. Das alles, auch die kleine Geste, das beruhigende Wort, die geschenkte Zeit – das alles ist sichtbar. Dass dort aber das Verborgene sichtbar wird, das Christus selbst sichtbar wird – das kann man nicht sichtbar erkennen.

Dass das wirklich Herrlichkeit ist, kann man nur selbst auf diesem Weg erfahren. Aber dann wird es auch erfahren – und dann kann es eine Hilfe sein! 

Liebe Schwestern und Brüder,
Weihnachten kommt uns nicht nur als Datum entgegen, wir dürfen uns auch darauf freuen, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Denn das Verborgene will sichtbar werden und von uns Besitz ergreifen, auch durch uns selbst. Das ist ein Grund froh gestimmt zu sein. Wie es in einem Lied aus dem Gesangbuch heißt: "Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein."

Ich habe neulich einen kleinen Tipp gefunden, was man machen kann, dass in diesen Tagen das Licht von Weihnachten überall auch hinkommt: Geht in Eurer  Wohnung zu einem unpassenden, unordentlichen Ort: ein unaufgeräumter Schrank, eine vollgestopfte Schublade, die Staubecke hinter dem Sofa. Räumt nicht auf. Putzt nicht. Aber legt etwas von Eurer Weihnachtsdekoration dorthin: einen Stern, einen Zweig, etwas Glitter, was Ihr eben habt ...

Ich wünsche Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und hoffe, dass wir uns nächstes Jahr alle wiedersehen!

Euer Uwe Brand
(Berufsschulpastor an der BBS-Bersenbrück)
Quelle: U. Brand