Wort zum Sonntag

„Wort zum Sonntag“ für den 2.Sonntag nach Epiphanias am 17.1.21 (von U.Brand, Berufsschulpastor)

Neulich las ich online in der Zeitung meiner Heimatstadt die Todesanzeigen - und wie elektrisiert blieb ich bei der Anzeige einer 94jährigen Frau hängen. Ihr Name, als ich ihn las, fiel mir jetzt erst wieder ein. Ich hatte ihn vergessen, eine Erinnerung aus Kindertagen kam in mir hoch: Wie wir im Frühsommer immer mit Bollerwagen zu ihr gewandert sind. Sie wohnte eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt von uns. Sie hatte ein kleines, weißgetünchtes Häuschen von einer hohen Hecke umgeben und dahinter war ein Garten, der uns Kindern einfach endlos erschien. Da wuchsen seltsame Pflanzen wie Meerrettich, es gab ein Kartoffelfeld, Johannisbeersträucher, Erdbeeren, Bohnenstangen, die in den Himmel ragten, und ein riesiger Kirschbaum stand in der Mitte. Gelbe Süßkirschen, die für uns Kinder wie der Vorgeschmack des Sommers waren. Ein süßer, frischer Geschmack, ein Vorgeschmack auf Freiheit ohne Schule und Verpflichtung, auf Sonne auf der Haut und Wind beim Schaukeln in den Haaren. Und wenn wir auf die Äste des alten Baumes kletterten, um an die Kirschen weiter oben zu kommen, dann wussten wir, dass der Sommer unaufhaltsam näherkam.

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Vorgeschmack auf etwas weckt Erwartungen, macht Lust, man hat irgendwie schon Anteil an dem was kommt, schmeckt das Besondere schon und muss doch noch etwas warten. Ein Vorgeschmack kann dich tragen, bis der Sommer endlich kommt. Um große Erwartungen und Vorgeschmack - darum geht es auch der Mutter Jesu in dem heutigen Predigttext in Joh 2,1-11 (Neue Genfer Übersetzung)

Zwei Tage später fand in Kana, einer Ortschaft in Galiläa, eine Hochzeit statt. Die Mutter Jesu nahm daran teil, und Jesus selbst und seine Jünger waren ebenfalls unter den Gästen. Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter Jesu zu ihrem Sohn: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus erwiderte: »Ist es deine Sache, liebe Frau, mir zu sagen, was ich zu tun habe? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.« Da wandte sich seine Mutter zu den Dienern und sagte: »Tut, was immer er euch befiehlt!« In der Nähe standen sechs steinerne Wasserkrüge, wie sie die Juden für die vorgeschriebenen Waschungen benutzen. Die Krüge fassten jeder zwischen achtzig und hundertzwanzig Liter. Jesus befahl den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Tut etwas davon in ein Gefäß und bringt es dem, der für das Festessen verantwortlich ist.« Sie brachten dem Mann ein wenig von dem Wasser, und er kostete davon; es war zu Wein geworden. Er konnte sich nicht erklären, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser gebracht hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam und sagte zu ihm: »Jeder andere bietet seinen Gästen zuerst den besseren Wein an, und wenn sie dann reichlich getrunken haben, den weniger guten. Du aber hast den besseren Wein bis zum Schluss zurückbehalten!« Durch das, was Jesus in Kana in Galiläa tat, bewies er zum ersten Mal seine Macht. Er offenbarte mit diesem Wunder seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.

Maria sitzt unter den Hochzeitsgästen und freut sich. Einen Vorgeschmack auf die Fülle, die Herrlichkeit, das wünscht sie sich. Mitten im Leben. Sie singt und tanzt und dann bemerkt sie es: Getuschel, das Fest wird wohl gleich abgebrochen, denn der Wein ist alle. Sie könnte schnell gehen, aber ihr Vertrauen in Gott ist zu groß für eine Flucht vor dem Leben. Und sie weiß, dass einer einen Vorgeschmack auf die Fülle geben kann. Jesus, indem er das Wunder vollbringt und das Wasser zu Wein verwandelt. Was für ein Glück!

Johannes, der uns diese Wundergeschichte erzählt, beginnt sein Evangelium mit den Worten: Am Anfang war das Wort und das Wort bei Gott und Gott war das Wort; und das Wort wurde Fleisch, es wohnte unter den Menschen. Und die Hochzeit von Kana soll zeigen, was es heißt, dass Gott wirklich Mensch wurde und unter ihnen wohnte: 

Der Gottessohn ist Bruder der Menschen und seine erste Tat: Er hilft einem Brautpaar aus der Patsche. Ist das nicht herrlich? Dass das kein Zufall ist, ist uns allen sicherlich klar. 

Da feiern zwei Menschen Hochzeit, sie sind auf dem Höhepunkt ihres Daseins, sie verbünden sich für immer, und viele kommen, festlich gekleidet, von nah und fern. Eine Hochzeit ist ein großes Fest, Himmel und Erde feiern mit, wenn sich alle an dem Glück, der Musik und dem Wein berauschen. Und das Fest ist gerade in vollem Gange, da ist schon der Wein ausgegangen, und man kann nichts nachholen. Es sind mehr gekommen, als erwartet, ein Skandal zeichnet sich ab. Vor allem der Bräutigam steht blamiert da: was soll man von so einem halten, der nicht einmal seine Hochzeit organisiert bekommt! Da lässt Jesus unauffällig seine Beziehungen spielen und besorgt Wein in Fülle; selbst der Bräutigam hat nichts gemerkt. Dank der aufmerksamen Mutter Jesu hat das Personal das richtige getan. 

Jesus mischt sich ein. Er sieht die Not des Bräutigams als seine eigene. Das ist das eigentliche Wunder.

Wenn also jemand fragen sollte: „Wie soll das gehen, Wasser in Wein verwandeln?“, der übersieht das, was Johannes hier eigentlich sagen will und wie er Jesu Wirken verstanden hat: Jesus hat da entgegengewirkt, wo Liebe bedroht wurde durch Mangel, er hat da unterstützt, da ausgeholfen und sich gesorgt. Das Wunder Jesu ist zeichenhaft zu lesen: Die Fülle des Lebens wird zum Zeichen für Gottes Liebe.

Nun könnte man auch einwenden, dass die Tat Jesu hier als Erweis dafür, dass Gott Mensch wurde, ziemlich banal ist. Hätte er doch einen Toten auferweckt, wie Lazarus später, aber Wasser in Wein?

Doch gerade mit dieser fröhlichen Erzählung wird erstmals die Herrlichkeit Jesu im Johannes-Evangelium offenbart. Mit diesem ersten Zeichen tritt der Gottessohn in Erscheinung. Sein Wirken steht für Fülle, für Leben, letztlich, wenn man im Bild der Hochzeitsfeier bleibt, für Gemeinschaft und die Erfahrung der Liebe – und damit: für die Erscheinung des angebrochenen Reiches Gottes. Und diese Erscheinung übertrifft alle Erwartungen und steht quer zu den alltäglichen Gegebenheiten und Gewohnheiten. Erscheinung der Herrlichkeit des Sohnes im Vater. Epiphanias. Darum dieser Text am 2.Sonntag nach Epiphanias.

Die „Herrlichkeit Gottes“, die Jesu Zeichen offenbaren, ist die Liebe, die seine Macht ausmacht, die Welt zu erschaffen, zu erhalten und zu erlösen. Das Weinwunder zu Kana rettet eine Hochzeit als Feier des Lebens; es zeigt die Liebe zweier Menschen als Wirkung der Gnade Gottes und als Vorgeschmack der vollkommenen Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit Gott im ewigen Leben. 

Auch wenn Corona unsere Kontakte noch immer und auch wohl länger beschränken wird, in Gedanken freuen wir uns jetzt schon auf die eine oder andere Familienfeier und dieser Vorgeschmack auf das, was bald kommen wird, ist auch ein Vorgeschmack darauf, dass – wann immer wir in Gemeinschaft feiern – Gott mitten unter uns sein will. Das wäre eine Kunst, so zu leben: Das ganze Leben wie ein Fest zu genießen, es als Geschenk und Vorgeschmack auf das ewige Leben zu schmecken.

„Wort zum Sonntag“ am ersten Sonntag nach Epiphanias 10.01.2021 (von Uwe Brand, Berufsschulpastor)

 „Um an Gott zu glauben, muss man nicht in die Kirche gehen, stimmt´s Herr Brand? Ich schlafe nämlich lieber lange aus!“ - Ich erinnere mich an diese Frage einer Schülerin noch sehr gut. Die Schüler*innen hatten kürzlich (wieder einmal) die Frage diskutiert, ob man als Christ*in auch zur Kirche gehen muss. Was erwartete die Schülerin eigentlich für eine Antwort von mir? Ich konnte hier eigentlich nichts „richtiges“ antworten. Hätte ich ihr gesagt, dass der Kirchgang wichtig sei, dann hätte sie das Gegenteil behauptet und sich sofort abgewendet. Hätte ich ihre Einstellung kritiklos befürwortet, hätte ich mich selbst verraten. 

Ja, wie ist das eigentlich mit der Gottesdienstpflicht?

Wer im Internet unter „evanglisch.de“ zum Thema „Gottesdienstpflicht“ sucht, kann dort lesen, dass im Jahr 789 Karl der Große einen Erlass herausgab, der regelte, was seine Untertanen im ganzen Reich sonntags zu tun und zu lassen hatten. Den Frauen untersagte er, Schafe zu scheren, Wolle zu zupfen, zu weben, Kleider zuzuschneiden, zu nähen oder zu waschen. Den Männern verbot er die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen, das Mähen, Pflügen und Ernten, das Häuserbauen und die Gartenarbeit. Einen Wagen zu benutzen erlaubte er nur, um in den Krieg zu fahren, Lebensmittel herbeizuholen oder Tote auf den Friedhof zu bringen. All dies diente einem einzigen Zweck: damit die Menschen „von überall her zur Messfeier in die Kirche kommen und Gott loben ob all des Guten, das er uns an diesem Tag erwiesen hat". Der Staat verordnete die Sonntagsheiligung und betonte deutlich die Pflicht zum Kirchgang. Die Kirche ihrerseits hatte schon um das Jahr 100 nach Christus den Abendmahlsbesuch am „Herrentag" angeordnet.

Den Christen galt es als wichtige Pflicht, sich am Auferstehungstag Jesu, dem Tag nach dem Sabbat, also dem ersten der Woche, zum Gebet zu versammeln. Heute besteht schon lange kein Konsens mehr darüber, ob der Sonntag ein Tag der Ruhe und Besinnung ist und ob Gottesdienste verpflichtend zu besuchen sind. 

Für uns Protestanten hat der Gottesdienst zwar einen hohen Stellenwert, aber der Kirchgang ist „nur“ ein Angebot. So heißt es in den neuen „Leitlinien kirchlichen Lebens" der lutherischen Kirchen Deutschlands: „Etlichen Gemeindemitgliedern ist der Sonntagsgottesdienst wichtig für ihr Leben. Andere kommen nur selten... Für viele Kirchenmitglieder hat der sonntägliche Gottesdienst keine erkennbare Bedeutung." 

Für Protestanten ist die Kirche ein Werk des Heiligen Geistes. Die Reformatoren unterschieden deshalb zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche. Äußerlich ist nicht klar zu erkennen, wer zur Gemeinschaft der Gläubigen gehört. Auch wer auf Distanz zur Institution Kirche geht, mag ein gläubiger Mensch sein. Davon spricht schon Paulus in unserem heutigen Predigttext aus dem Römerbrief. In Kap.12,1-8 schreibt er:

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. 3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. 4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. 6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. 7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. 8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Liebe Leserin, lieber Leser: 

Obwohl Paulus einen Brief an eine ihm unbekannte Gemeinde schreibt, scheint er gut informiert zu sein über die Vorgänge dort. Er nimmt Stellung zu verschiedenen Themen, die offensichtlich dort diskutiert wurden. Ja, der Römerbrief gilt als das theologische Vermächtnis des Paulus und er kreist vor allem um die Rechtfertigung des Menschen aus dem Glauben.

Paulus endet im Kapitel vor unserem Predigttext mit einem Lobpreis Gottes: »Von Gott und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.«

Das meint: Auch der Tod Jesu ist von und durch Gott und zu seiner Ehre geschehen, denn dadurch haben alle, die glauben, einen Platz in Gottes Ewigkeit. Und das ist ganz konkret gemeint. Diese Ewigkeit beginnt hier und jetzt. Um sie erkennen zu können, brauche ich die Gewissheit, dass ich gerettet bin oder, um es mit Paulus zu sagen: Dass weder Tod noch Leben mich scheiden können von der Liebe, die in Christus Jesus ist (Röm 8,38 f.).

Diese Gewissheit befreit. Befreit von der Sorge, bestimmte Anforderungen erfüllen zu müssen. Befreit von der Unsicherheit, ob ich richtig gehandelt habe. Befreit von der Angst, bestraft zu werden. Sie befreit, sich an menschlichen Maßstäben zu messen. Genau diese Art der Freiheit meint Paulus, wenn er etwas umständlich schreibt, dass wir uns nicht der Welt gleichstellen sollen, sondern unseren Sinn erneuern, damit wir erkennen: das Gute, (Gott) Wohlgefällige, Vollkommene.

Weil Gott niemanden richtet, der/die Christus bekennt (10,9–13), sollen die Christ*innen ihrerseits niemanden verurteilen, sondern vielmehr alles dafür tun, dass alle Menschen von Christus erfahren. Aus dieser Freude über den (unverdienten) Freispruch Gottes heraus entwickelt Paulus sämtliche Verhaltensregeln für die christliche Gemeinde. Diese Regeln sind aber nicht dazu da, das Heil erwerben zu können. Es geht um ein Handeln aus der Einsicht: Weil wir durch unseren Glauben das Heil erworben haben, wissen wir uns frei von der Verurteilung durch Gott, - und sind somit frei für ein gelingendes Leben miteinander. Der Freispruch Gottes in Christus befreit uns von allen Zwängen und eingeübtem Verhalten, damit wir uns aus freien Stücken für andere engagieren können.

Schon Jesus pochte nicht auf die sture Einhaltung der Gesetze, sondern lenkte z.B. den Blick auf den Sinn des wöchentlichen Feiertages als eine seelische und religiöse Wohltat. Seinen Kritikern sagte er: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Markus 2, 27). 

Hatte meine Schülerin also Recht mit ihrer Behauptung, sie müsse als Christin nicht in den Gottesdienst gehen? Ich habe ihr geantwortet:

Nein, das musst Du nicht. Und Ja, natürlich kannst Du am Sonntag ausschlafen. So lange Du Lust dazu hast. Und wenn Du wach bist, dann freue Dich, dass Dir Gottes ganze Liebe gilt. Dir! Wirklich Dir! Und dann tue doch einfach das, was Dir Dein Herz nahelegt. Tue es mit Freude, weil Du allen Grund dazu hast. Und nehme teil an der Freude der anderen. Sie hält uns zusammen. Hier und jetzt. In Gottes Wirklichkeit. Und das mitten in der Welt. Das ist dann Dein vernünftiger Gottesdienst. Von ganzem Herzen, lebendig, heilig, Gott wohlgefällig. Mehr braucht es nicht, denn Gott hat schon alles getan.